CABO VERDE. ARCHIPEL UMGEBEN VON LICHT WIND UND WASSER Text von Adrian Stitzel
Cabo Verde, grüne Inseln, Vulkaninseln, Wüsteninseln. Keine wüsten Inseln. Sie bieten viel Abwechslung. Einmal trifft man auf eine Pflanzenwelt, dicht bewachsen, feucht und warm, tropische Geräusche von sich gebend. Ein andermal ziehen Sanddünen über die Küsten, heisser Sand, trocken und beige. Innerhalb dieser Unterschiede leben Menschen, die sich trotz der ärgsten Knappheit nicht kleinkriegen lassen. Das war schon so, als die Portugiesen ab dem 15. Jahrhundert den grössten Sklavenmarkt der Geschichte errichteten und ein halbes Jahrtausend lang über Land und Leute regierten. Erst seit 1975 ist Cabo Verde eine freie, demokratische Republik. Cabo Verde gilt es aktiv zu entdecken. Zu Fuss oder mit dem Aluguer, einer Art Busservice. Für Badeferien im Hotelressort sind die Inseln nicht geeignet, zumal es solche nur auf den Inseln Sal und Maio gibt. Zu teuer und zu weit weg sind diese Inseln für Clubferien. "Sal ist nicht Cabo Verde", hört man Einheimische sagen. Sal ist der Anfang und das Ende einer Reise nach Cabo Verde, da auf dem Internationalen Flughafen Amilcar Cabral - benannt nach dem Staatsgründer - alle Flüge aus Europa landen und abfliegen. Lange bleibt jedoch niemand dort, dafür lockt der Ruf der Inseln Santo Antão, São Vicente, São Nicolau und Fogo zusehr. Auf diesen zeigt sich das wahre Gesicht dieses Archipels: Die Reinheit der Natur, die Zufriedenheit der Fischer, die Fröhlichkeit der vielen Kinder, die Symphathie und Offenheit der Leute, deren Melancholie, Armut und Reichtum gleichzeitig, sich in der Musik ausdrückt. «Sodade» nennen sie dieses Gefühl, das die Sehnsucht nach einem geliebten Ort, einer geliebten Person oder nach beidem meint, die unerreichbar scheinen. Jeder Besucher fühlt sich dagegen gefeit. Doch bald nach der Heimkehr befällt es einen und verschwindet nicht mehr, bis die nächste Reise nach Cabo Verde gebucht ist.
Die Fischer Fünf Uhr morgens, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Das Meer ist gnädig gestimmt. Am Hafen von Punta do Sol auf der Insel Santo Antão herrscht bereits ein reges Treiben. Vorbereitungen werden getroffen für den täglichen Fischfang. Die Fischer laden Netze, Kunststoffschnüre und Angeln auf die nicht allzu geräumigen Fischerboote. Jeder weiss, was er zu tun hat. Gesprochen wird wenig. Auch später auf dem Meer draussen, wenn die 10-köpfige Mannschaft immer wieder die Netze oder Angeln auswirft und wieder einzieht, von einem Punkt zum nächsten rudert oder unter grossem Einsatz ohne Tauchgerät Langusten fängt. Hie und da mal ein kurzes Kommando, das ist alles. Auf die Launen des Meeres vorbereitet zu sein, erfordert höchste Konzentration. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft und Fischerei tätig. Obwohl Cabo Verde über eine 700'000 km2 grosse wirtschaftlich nutzbare und sehr fischreiche Meereszone verfügt, werden diese Fanggründe bei weitem nicht ausgenutzt. Dazu fehlt das Geld für grössere Schiffe und Kühlhäuser. Ausländische Organisationen unterstützen Cabo Verde dabei, diesen Wirtschaftssektor zu modernisieren. Dank der Vielfalt an Fischen könnte langfristig die Abhängigkeit von Landwirtschaft und ausländischer Nahrungsmittelhilfe verringert werden. Später, gegen Mittag, werden die Fischerboote mit Spannung von den Fischerfrauen und Kindern zurückerwartet. Am Himmel kreisende Möwen kündigen den täglichen Höhepunkt an, bevor die Boote für das blosse Auge sichtbar werden. Sind die Boote erst einmal gelandet, beginnt das Gerangel um die besten Stücke. Häufig kämpfen die Frauen um den selben Fisch. Es wird diskutiert, laut und farbig. Was für fremde Ohren wie ein Streit klingt, wiederholt sich hier jeden Tag und dauert auch nicht lange. Viel Zeit bleibt nicht, die Fische müssen weiter. Ins Restaurant, nach Hause auf den Teller oder als Export nach Europa.
Die Kinder Joaquín möchte ein Foto. Sein Gesicht und sein Körper sind voller Sand. Er möchte ein Foto wie er mit einem riesigen Hechtsprung ins Wasser springt. Er nimmt Anlauf, rennt los und macht einen perfekten Salto ins Meer. Währenddessen lässt sich Mario von seinen Freunden im Sand einbuddeln. Auch er möchte ein Foto. Rodrigo hingegen ist neugierig und möchte wissen, wie Europa ist. Diese Neugier nimmt schnell ab, als er seine Kollegen mit einem am Strand gefundenen Pneu davonrennen sieht, die Sanddüne hinauf. Kinder bedeuten auf Cabo Verde Glück, Reichtum und eine Absicherung bei Krankheit und im Alter. Geschätzt wird, dass etwa 45 Prozent der Caboverdeaner unter 15 Jahren sind. Auf dem Land ist es nicht aussergewöhnlich, mehr als fünf Kinder zu haben. Sie wachsen unbeschwert auf und werden von allen Dorfbewohnern beschützt und versorgt. In der Stadt hingegen geht die Tendenz hin zur kleinen Familie. Ein oder zwei Kinder, deren Betreuung jedoch meistens ungewiss ist, da die Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen und die Grossfamilie fern ist. Die Kinder lernen schnell, sich mit sich selbst zu beschäftigen und nutzen ihre grenzenlose Phantasie, um der Langeweile zu entgehen. Kontakte mit Reisenden sind da immer eine willkommene Abwechslung.
Die Landschaft Das Meer und der Wind formen die Gestalt der Landschaft auf Cabo Verde - mal wild und unbarmherzig, mal zahm schnurrend. Vor Millionen vor Jahren wurden die vulkanischen Inseln mitten im Meer geschaffen. Zeugnis davon sind die vielen meist erloschenen Vulkankegel und -krater, die es auf allen Inseln noch gibt. Der einzige noch aktive Vulkan und mit 2829 Metern die höchste Erhebung des Archipels ist der Pico de Fogo auf der gleichnamigen Insel im Süden Cabo Verdes. Wind und Wasser erodieren die Landschaft stetig und hinterlassen phantastisch geformte Bergketten, ausgehöhlte Flussbetten, schwarzgefärbte Bergrücken, schwarze und weisse Strände. Wohldosiert bieten sich die Eindrücke an. Keine westlichen Einflüsse wie Hektik oder Strassenlärm lenken vom magischen Naturschauspiel ab: Nebelschwaden, die tanzend bergaufwärts hüpfen, öffnen sich und gewähren einen kurzen Einblick in die Landschaft, lassen den Blick frei auf steile Bergwände, grüne Wiesen, enge Täler und dichte Wälder. Weisse Sanddünen lassen sich vom Wind zeichnen und schlängeln sich schwerfällig durch die Strandlandschaft. Auf schwarzer Vulkanerde wachsen vereinzelte Bäume unterhalb des Vulkankegels. In den Städten herrscht ein geschäftiges Treiben, Kinder gehen zur Schule, in den Werkstätten und Geschäften trifft sich nicht nur die Kundschaft zum kurzen Schwatz und überall fahren die kleinen Aluguer-Busse herum, deren Fahrer nach Passagieren Ausschau halten. Doch immer bläst der Wind, und das Meer rauscht von Ferne. Allgegenwärtig. | ||